The K3 Experience
 
Von Oliver Kielmayer
 
Bei der letzten Ausstellung im k3 kam es einmal mehr zu jener bekannten, stets etwas unangenehmen Situation, dass mich eine gut aussehende junge Frau erwartungsvoll anschaute und schliesslich etwas zögernd grüsste. Trotz meiner Irritation (kannten wir uns?) freute ich mich über die freundliche Geste, erwiderte den Gruss und verwickelte sie schliesslich – auch mangels Alternativen – in ein kleines Gespräch:

‚Wir kennen uns?‘
,Du erinnerst Dich vielleicht nicht mehr, aber wir haben uns an der Ausstellung exhbiting the curator im November hier kennen gelernt!‘
,Aber ja! Natürlich... Und, wie geht es denn so? Susanne...?‘
,Nein, Daniela.‘
,Sorry, da verwechsle ich wohl etwas; aber – uhm, wie soll ich sagen – es waren an jenem Abend ja ganz schön viele Leute da.‘
‚Ja, ich konnte auch erst spät mit dir sprechen, vorher warst du immer belagert... Der Abend war ja echt mega! Ich war ziemlich blau, aber ich muss sagen, nüchtern hätte ich all diese Leute wohl nie kennengelernt... Ich bin normalerweise viel zu schüchtern, um Kuratoren, Galeristen und sonstige VIPs anzuquatschen.‘
‚So.‘
‚Im k3 fühle ich mich eigentlich erst seit expect relevance im Jahr zuvor so richtig wohl! Meine ganze Nervosität fiel damals von mir ab, als ich am Ende der Vernissage die ganze junge Schweizer Kunstszene sternhagelvoll herumtanzen sah! Das war noch ganz anders gewesen, als ich zum ersten Mal hier war...’
‚Wie bist Du denn damals auf das k3 gekommen?’
‚Clare Goodwin ist eine meiner Dozentinnen an der F+F. Ich fand sie immer sehr zugänglich, auch wenn ich immer ein bisschen skeptisch bin, wenn Künstler plötzlich Ausstellungen organisieren... Jedenfalls erzählte sie uns von der Eröffnungsparty ihres neuen Kunstraumes k3. Mein Diplom stand ins Haus und ich dachte mir, ich müsse jetzt endlich mal anfangen zu networken. Es war schon im Vorfeld klar gewesen, dass das k3 an diesem Abend the place to be sein würde, dass alle hingehen würden... Für mich war es aber mega enttäuschend: Mit meinen Bekannten wollte ich nicht reden, denn die kannte ich ja schon, von den Unbekannten wusste ich nicht, ob sie wichtig sind, und vor den wirklich Bekannten hatte ich irgendwie Schiss.‘
‚Was meinst du denn damit, dass du skeptisch bist, wenn Künstler sich als Kuratoren betätigen, das kann man doch heute nicht mehr so eng sehen! Clares künstlerische Auseinandersetzung ist ansonsten ja auch stark von einem sozialen Interesse geprägt, da war es für sie als Engländerin, die in Zürich gar niemanden kannte, doch eigentlich nahe liegend, so etwas wie das k3 zu machen... Zudem gab es vor zwei Jahren auch gar keine Alternativen mehr, den Kunstraum Hotel gab es nicht mehr, ebenso wenig Initiativen wie die Klinik; der Walcheturm war unterwegs in neue Räumlichkeiten, der Ausstellungsraum 25 existierte noch nicht; ausser dem Message salon am Rigiplatz gab es in Zürich ja gar nichts mehr! Die Szene hat – Moment: Heike! Wie schön Dich zu sehen, Bussi!‘

‘Hallo Oliver! Wie geht’s? Du, ich geh schnell an die Bar, wir sehen uns nachher, ja?‘
‚Okay bis dann. – Sorry, wo waren wir stehen geblieben?‘
‚Kennst du Heike gut? Ich meine, ist sie nett?‘
,Sehr nett, ja. Du kennst Sie nicht? Ich werde Euch nachher vorstellen. Ahem... Warst du bei allen k3 Events?‘
‚Nein, nach dem Desaster beim ersten Mal liess ich es eine Weile bleiben. Ich hab von Freundinnen gehört, dass Megareal und dann An Autumn Night Extravaganza im Herbst total geil gewesen sind, aber ich war irgendwie zu frustriert. Ich meine, du musst Dir vorstellen –‘
‚Sorry: Hoi Mendes, auch hier?‘
‚Hallo, Daniel.‘
,Nein, Oliver. Oliver Kielmayer.‘
‚Ja, klar. Sorry.‘
‚– Also Du musst dir vorstellen, ich war fertig mit meiner Schule und musste nun auf Teufel komm raus networken! Das hat mich brutal blockiert!‘
‚Da kann man nichts machen.‘
‚Wie meinst du das?‘
‚Da kann man nichts machen.‘
‚Jedenfalls war das für mich echt ein grosses Problem, auch weil ich dachte, ich würde nie die richtigen Leute kennen lernen und einen Zugang finden... Und viele junge Künstler haben ja dieses Problem, deshalb fand ich so eine Ausstellung wie exhibiting the curator auch eine total tolle Idee!‘
‚Ja, das war übrigens ein ziemlich altes Projekt von Sandi Paucic... du kennst Sandi?’
‚Also natürlich auch von der F+F, aber eigentlich nicht gut. Ich weiss, dass ihm die Räume hier gehören und dass es früher mal sein Atelier war. Ich wusste lange Zeit gar nicht, dass er selber als Künstler tätig ist. Clare hat dann hier das Projekt k3 gestartet.
Aber sag mal, weisst du denn, wie es mit dem k3 weitergeht? Ich meine, mittlerweile haben die ja einen Grad an Professionalität erreicht, wo man sich fragt, ob sie überhaupt noch besser werden können, ich meine ohne wirklich Vollzeitkuratoren zu sein.’
‚Alles was einen Anfang hat, hat auch ein Ende. Ich denke Clare wird von alleine ihr Interesse verlieren, sobald sie das Gefühl hat, auf der Stelle zu treten. Ihr k3 Projekt macht sie als Künstlerin und als solche wird sie sich mit Stillstand nicht abfinden. Aber eben, Entwicklung kann auch aus einer Eigendynamik heraus stattfinden und ist dann im Voraus, also ich meine als Strategie, vielleicht gar nicht zu erkennen. Für mich ist es gar nicht so wichtig, immer all das, was man tut, auch selber gleich zu platzieren. Am Ende geht es hier um einen kulturellen Mehrwert, der geschaffen wird; ob es sich dabei um ein Kunstwerk oder um Rahmenbedingungen zur Ermöglichung von Kunst handelt, wird das Kunstsystem so oder so von alleine festlegen. Dieses andauernde Einordnen im Voraus, das blockiert doch eh alles!’
‚Für Zürich wäre es ein Verlust, wenn es das k3 nicht mehr gäbe...’
‚Ich habe die Atmosphäre hier auch von Anfang an geschätzt. Ich meine, all die grossen Kisten – Documentas, Biennalen, Kunstmessen – das ist immer harte Arbeit, da muss man wissen, wie man sich bewegt und auftritt. Aber hier... hier können die Künstler auch mal etwas ausprobieren oder falsch machen und die Kuratoren ganz normale Menschen sein. Aber eben, gegenüber dem Wohlergehen der Kunstszene hat das k3 ja keine Verpflichtung!’
‚Nein, eigentlich nicht.’
‚Eben.’
‚Ja. – Oh: Hallo Bettina, darf ich dir Oliver vorstellen, Oliver Kielmayer.’
‚Hallo Oliver!’
‚Angenehm.’

‚Und wie findest du’s? Ich bin wieder einmal total erstaunt, was hier alles möglich ist! Vor allem seit ich weiss, dass das Ganze so gut wie überhaupt kein Geld kostet... Ich meine, die Ausstellungen sind echt super und sogar Leute wie Yan Duyvendak und Heinrich Lüber haben hier performt. Ich frage mich manchmal, wie die das bloss hinkriegen...’
‚Ja, ich auch!’
‚Clare hat einfach keine falschen Hemmungen, bekannte Leute für einen Beitrag anzufragen...’
‚Vielleicht hat es auch damit zu tun, dass Clare aus London kommt? Ich meine, dort ist es echt eine Spur härter als hier in Zürich, da kannst du dir keine Bescheidenheit erlauben, da musst du handeln, ohne alles hundertmal abzuwägen.’
‚Stimmt, hier denkt man immer zuerst daran, ob das jetzt ein in-place ist oder nicht, ob es was für die Karriere bringt und ob es auch richtig rüberkommt oder man sich da eventuell eine Blösse gibt... Ich meine, hey, was soll das Ganze? Wenn du Lust und Zeit hast, was zu machen, dann mach es einfach und überleg nicht die ganze Zeit, ob das für deine Karriere ein würdiger Meilenstein wird. Abgesehen davon, dass diejenigen Künstler, die sich so professionell, bewusst und vorsichtig strategisch verhalten, meist am Ende eh keine Karriere machen.’
‚Wie fandest du es eigentlich, dass k3 in der Grünau diesen Ableger, das Budget Bureau, gemacht hat? Ich wusste auch, dass man dort im Rahmen dieses Fuge-Projekts billig Räume haben konnte, aber ich war mir nicht sicher, ob das Umfeld etwas bringen würde...’
‚Siehst du Susanne, genau das meine ich. k3 hat davon gehört und ist einfach eingestiegen, ohne lange zu überlegen, wie sich das entwickeln würde. Clare hat dort ihre Auseinandersetzung mit Sprache zu einem realen Begegnungsort gemacht und die Räumlichkeiten so ganz nebenbei zu einem kleinen Artist-in-Residence-Programm umfunktioniert. Während auf kulturpolitischer Ebene noch immer herumlamentiert wird, ob, wo und wie man in Zürich ein internationales Künstleraustauschprogramm machen könnte – es ist ja in der Tat eine Schande, dass es so etwas hier nicht gibt –, kam k3 und machte einfach eins!’
‚Ja, genau!‘
‚Ja, nicht wahr?‘
‚Ja.‘
‚Jetzt sehe ich aber gerade, dass Pipi gekommen ist; ich muss ihr unbedingt Hallo sagen!‘
,Okay, kein Problem. Wir sehen uns aber später noch, gell? Du musst mich ja noch der Heike vorstellen... Ciao Oliver!‘
‚Bis dann. Bussi.‘

 
30.1.2004, sp