Tingeling - 0409 (Fortsetzung)
Der Vorhang öffnet sich. Neonlampen schwingen hin und her. Die Möbel auf der Bühne sind in Plastik gehüllt. Eine Unterseelandschaft?, fragt Erich. Psst!, sagt Claudia und sieht auf die Bühne. Auf dem Sofa sitzt eine Frau um die dreissig. Sie schaut ins Publikum, dabei unterdrückt sie ein Grinsen. Sie ist verlegen, denkt Erich. Die Frau ist bleich geschminkt und trägt sandbraune, nach hinten gekämmte Haare. Ihre Füsse sind mit blauem Klebeband zusammengebunden. Eine Meerjungfrau in ihrem Reich? Eine Gefangene? Sie steht auf, wackelt nach vorne und singt „She wore blue velvet“, Isabella Rosselinis Refrain aus David Lynchs Film. Sie legt das Mikrophon hin, kehrt auf ihr Sofa zurück und nimmt ein paar Atemzüge aus Denis Hoppers Atemmaske. Der Vorhang geht wieder zu.
Verena, eine frühere Arbeitskollegin, hat sich zu Erich gesetzt und strahlt ihn an. Bei diesen Augen wird Erich immer schwach. Wie es gehe, raunt sie. Erich fasst sie an den Schultern: Seit sie hier sei, viel besser. Verena gluckst leise und verwuschelt Erichs Haar. Wie es laufe mit dem neuen Chef, fragt Erich. Ach, sagt Verena.
Der Vorhang geht wieder auf. Die Frau ist bis zu den Knien zusammengebunden. Das Bewegen macht ihr Mühe. Mami, wer ist das?, fragt Thomas seine Mutter Patricia. Warum hat die Frau Bänder um die Beine? Warum singt sie jetzt? Und warum singt sie jetzt nicht mehr? Was ist das für eine Maske? Mami, warum geht jetzt der Vorhang zu? Ist es fertig? Psst!, sagt Patricia und umarmt ihren Sohn.
Wann sie sich das letzte Mal gesehen hätten, ruft Celestina. Erich steht auf, sie küssen sich. Celestina arbeitet noch immer mit Verena. Sie sagt, sie rege sich nicht mehr auf. Sie verschwende ihre Energie nicht für diesen Betrieb. Die alten Säcke blockierten alles. Und Erich kenne den Ueli. Immer basisdemokratisch. Erich schlägt vor, eine eigene Station zu gründen. Nur mit ihnen und anderen Coolen. Verena runzelt die Stirn. Sie habe Mühe mit Ideen für besonders Coole. Man werde auch einmal müde. Erich sagt, es sei bloss Spass gewesen.
Karin und René stehen auf, sie gehen essen. Verena und Celestina gehen Tango tanzen. Verena zeigt Erich ihre Tanzschuhe. Als Mann müsse man Tango tanzen, sagt sie. Es habe immer zu wenig Männer. Der Vorhang öffnet sich zum dritten Mal. Die Frau ist bis zum Kopf eingebunden. Das blaue Band wickelt sich um ihr Haar. Jetzt sieht sie aus wie eine Mumie oder eine grosse Blumenvase, denkt Erich. Weil sie nicht mehr gehen kann, schiebt sie sich über die Bühne nach vorne, wie eine Raupe. Sie haucht ein drittes Mal „She wore blue velvet“ und robbt zum Sofa zurück. Sie kommt nicht mehr hoch, bleibt am Boden liegen. Der Vorhang geht zu.
Patrick ist am Telefon. Er fahre jetzt los, sagt er. Erich verabschiedet sich von Claudia, geht unter der Hardbrücke durch zum Escher-Wyss-Platz und wartet auf den Dreizehner. „Bruder!“, ruft Patrick überschwänglich und breitet die Arme aus. Sie fahren aus der Stadt und wechseln an der Endstation in den Bus. Erich hat keine Ahnung, wo sie sind. Patrick ist hier in der Nähe aufgewachsen. In Oberengstringen steigen sie aus. Auf einem Plakat steht: Heute Jazz. Erich sieht sich um: Gemeindehaus, Kirche, Einkaufszentrum. Die Post, die Bank, der Coiffeursalon. Die Wegweiser nach Zürich und Baden. Es sei extrem warm heute Abend, sagt Patrick. In der Beiz fragen sie nach dem Weg. Die überschminkte Bardame weist sie an einen Mann mit wässrigen Augen. Er lallt schon um neun Uhr Abends. Sie folgten seiner Wegbeschreibung. Vorbei an dreigeschossigen Blöcken mit halbdunklen Fenstern, Vorgärten, parkierten Autos, etwas Industrie. Zwei Teenager fahren auf einem Roller. In der Agglo sei er immer so bewegt, sagt Erich. Beim Eingang nennt Patrick ihre Namen. Sie bekommen die Tickets und ein stämmiger Mann in Birkenstöcken öffnete die Tür. Die Band spielt das zweite Set. Sie setzen sich in die hinterste Reihe und blicken über die grauen Häupter des oberengstringer Publikums auf die Bühne. Die Stücke sind fetzig und sie tanzen ein bisschen auf den Stühlen. Patrick pfeift und Erich johlt. Nach den Zugaben gehen die meisten. Die Freundinnen der Musiker sitzen zusammen an einem Tisch. Sie trinken Bier und Kaffee und essen ein Baylies-Cake. Jason begrüsst Patrick und Erich und sie setzen sich zu den Mädchen. So viel Anmut!, schäkert Patrick. Ein Tisch voller Schwalben, sagt Erich. Jason lacht: Jung, schön und total auswechselbar. Aniko, seine Freundin, boxt ihn ein wenig.
Man muss auf den letzten Bus. Franz, der Bandleader, lädt alle zur Party ein, die seine Freundin schmeisst. Patrick, Jason und Aniko fahren nach Hause, Erich geht mit Franz. Sie gehen den Weg zurück, den Erich gekommen ist: vom Escher-Wyss-Platz zum Bahnhof Hardbrücke. Vor dem vierten Akt steht wie immer eine riesige Menschentraube. Es gibt Bars, die Erich noch nie gesehen hat. Er sei ein alter Mann, sagt er. Er kenne die Stadt nicht mehr. Sie gehen vorbei am Helsinki zum Bogen 33. Etwa zehn Leute sitzen um einen Tisch. Erich gibt allen die Hand. Es sind zu viele Namen. Er setzt sich neben Franz und trinkt noch mehr Kaffee. Sie reden über Jazz und Pop. Erich spottet über sinnlose Liedtexte. Franz sagt, intuitiv machten die Texte schon Sinn. Erich gratuliert Paula, Franz’ Freundin, zum Atelier und lobt die schönen Pflanzen. Er schätzt Paula auf Mitte dreissig. Sie hat kurzes Haar, ein spitzbübisches Gesicht, männliche Hände und sieht Erich interessiert an. Sie steht auf und begrüsst herzlich ein Mädchen, das erst jetzt kommen konnte. Sie ist gross und lacht mit grossem Mund, hat die Haare hochgesteckt und trägt ein weisses, kurzärmliges Kleid mit Schmetterlingen. Sie setzt sich neben Erich. Er rät und Jelena sagt warm oder kalt. Rätselnd und lachend tragen sie ihr Leben mit Orten und Daten und Namen zusammen. Sie heisst Jelena, kommt aus Köln und studiert hier Fotografie. Paula ist ihre Lehrerin. Irgendwann stehen alle auf. Erich sagt zu Jelena, es laufe eine Party gleich über der Strasse, im K3.
Das Fest ist ziemlich vorangeschritten. Claudia zupft Erich am Ärmel und lächelt: Wieder da? Er stellt ihr Jelena vor und fragt nach dem Ausgang der Performance. Auf der Bühne, sagt Claudia, seien am Schluss nur noch die blauen Bänder gelegen, in die sich die Künstlerin eingewickelt hatte. Ein verlassener Cocon. Sie selbst sei nicht mehr da gewesen. Dafür habe am hinteren Bühnenrand ein Fenster offen gestanden. Frische Frühlingsluft sei herein geströmt. Offensichtlich sei die verpuppte Frau geschlüpft und davongeflogen.
Erich entdeckt die Künstlerin. Sie steht allein neben dem Kühlschrank und trinkt ein Bier. Sie hat ihr Gesicht abgeschminkt. Das ist die eigentliche Performance, denkt er. Da fällt tonnenschwer ein Arm um seine Schultern. Er gehört Niculin, einem alten Freund, einem Fetzen von einem Mann. Niculin ist ohne Freundin unterwegs und wirkt ziemlich angeschlagen. An seinen Schultern hängt eine betrunkene Blondine. Das sei Ulrike, brüllt Niculin. Erich grinst, küsst zum Spass Ulrikes Hand und stellt ihnen Jelena vor. Heute sei ihr Geburtstag, sagt Ulrike und hebt verschwörerisch ihr Glas. Das behaupte sie bloss, sagt Niculin. Ulrike hängt sich schmollend an ihn und er umschlingt sie innig zum Tanz. Jelena lacht und Erich reicht ihr ein Glas Wein. Sie tanzen ein wenig neben Niculin, Ulrike und anderen Freunden. Jelena behält ihr Weinglas in der Hand zum Tanzen. Sie wiegt sich ein wenig und lacht über Erichs Kapriolen. Sie reibt sich die Augen. Der Rauch, sagt sie.
Jelena ist mit dem Auto da. Erich lädt sie zu sich ein, doch sie lächelt und schüttelt den Kopf. Erich fährt mit dem Rad auf die Hardbrücke. Die Luft ist noch immer warm. Er hält an und setzt sich auf das Geländer. Er faltet den Zettel mit Jelenas Nummer zu einem Papierflieger. Hinten an den Flügeln arbeitet er Höhenruder ein, wie in der Schule. Er fliegt recht gut, und nach einigen launischen Bögen landet er unten auf den Gleisen.
11.4.2005,
rk
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